Geschichte

Chronik des Spielmannszugs Lichtenau

- von Michael Täuber -

Der Spielmannszug Lichtenau wurde im Jahr 1927 durch den Postschaffner Franz Scholle (geboren 1877) gegründet und somit ins Leben gerufen.

 

Zu der damaligen Zeit fanden gerade in der ländlichen Gegend sehr oft große, sogenannte freilaufende Manöver der damaligen Reichswehr statt. Hierzu marschierten Infanterieregimenter mit ihren eigenen Musikkapellen durch die Straßen. Auch die großen Manöverbälle, zu denen die Zivilbevölkerung immer eingeladen wurde, fanden großen Anklang. Mann wollte auch außerhalb dieser Manöverzeiten nicht auf diese Marschmusik verzichten.

 

In einer Zeit, in der das Leben meist aus harter Arbeit bestand, stand die Musik aber auch oft im Vordergrund. Sehr viele Bewohner des Ortes konnten z.B. Mundharmonika spielen, und an sonnigen Abenden hörte man auch sehr oft den Klang von anderen Instrumenten vor verschiedenen Häusern. Radio und Fernsehen gab es noch nicht, so nutzte man die Abende, um in geselliger Runde zu musizieren.

In Lichtenau gab es bereits im Jahr 1900 eine kleine, ländliche Musikkapelle, zu der auch Franz Scholle gehörte. Diese Kapelle spielte zu verschiedenen Festen im Ort und auch in der näheren Umgebung.

 

Franz Scholle ergriff somit im Jahr 1927 die Initiative. Innerhalb einer sehr kurzen Zeit konnte er eine kleine Gruppe junger Männer von seiner Idee, einen eigenen Spielmannszug zu gründen, begeistern. Einen Teil der Instrumente stifteten Lichtenauer Vereine. Die ersten Proben fanden in der damaligen Schreinerei Frömming statt, die am heutigen Nordberg lag. Zwischen Brettern und Sägespänen wurden jetzt Märsche eingeübt.

Die Trommelstöcke für die Übungsabende wurden somit direkt „vor Ort“ hergestellt.

Kurze Zeit später „verlegte“ man dann die Übungsabende in einen Raum der damaligen Gaststätte Riese an der Langen Straße. August Riese war ein sehr großer Förderer des Spielmannszuges und blieb dieses auch sein ganzes Leben lang. Überhaupt klang in dieser Gaststätte so mancher Übungsabend und so mancher Auftritt in gemütlicher Runde aus, selbst dann noch, als der Verein später in der Schützenhalle übte.

Franz Scholle übernahm 1927 die musikalische Ausbildung und wurde somit auch erster Tambourmajor des Vereins. Hier kam ihm zugute, dass er bereits während seiner Schulzeit verschiedene Instrumente spielen konnte. Auch während seiner Militärzeit war er als Regimentsmusiker tätig und spielte Trompete, Konzerttrommel und Flöte. Den ersten Weltkrieg erlebte er vom Anfang bis zum Ende und war in dieser Zeit ebenfalls bei einer Regimentsmusik eingesetzt..

Sein fundiertes Wissen gab er nun an „seine“ Musiker weiter.

 

Natürlich musste der Verein auch den sogenannten Formaldienst, wie z.B. Marschieren, einüben. Dieses fand auf dem alten Sportplatz statt, der damals am Iggenhäuser Weg lag.

 

Bereits im gleichen Jahr trat der Spielmannszug beim Lichtenauer Schützenfest zum ersten Mal auf. Hierzu konnten bereits 3-4 Märsche und die Locke gespielt werden.

Seit dieser Zeit ist der Verein sehr eng mit dem Schützenverein verbunden.

 

An eine komplett einheitliche Uniform war jedoch noch nicht zu denken, dazu fehlte einfach das nötige Geld. Die Spielleute trugen weiße Hosen und schlichte Anzugsjacken, die an den Ärmeln mit den bekannten „Schwalbennestern“ versehen wurden. Diese Jacken fielen natürlich in Form und Farbe sehr unterschiedlich aus, da jeder Musiker das Kleidungsstück nutzte, welches er bereits besaß. Unter der Jacke trug man ein weißes Hemd mit einem schwarzen Querbinder. Als Kopfbedeckung wurde eine blaue Kappe mit dem entsprechenden Abzeichen getragen.

 

Im Laufe der Jahre wuchs der Spielmannszug stark an, da immer mehr Männer Gefallen an der Musik fanden.

 

1928 übergab Franz Scholle die Stabführung an Josef Bickmann.

 

Auch neue Instrumente konnten weiterhin angeschafft werden, so z.B. im Jahr 1932 die erste Lyra (einreihig), die auch heute noch im Besitz des Vereins ist. In den ersten Jahren des Bestehens wurde die Anzahl der Trommeln auf 8 Stück erhöht, entsprechend die Anzahl an Flöten.

Der Spielmannszug trat regelmäßig beim Schützenfest auf und erfreute sich bei der Bevölkerung immer größerer Beliebtheit.

 

Niemand konnte ahnen, welch schreckliches Ereignis im Jahr 1939 auf die Bevölkerung und somit auch auf den Verein zukam.

Der zweite Weltkrieg brach aus. Auch die meisten der jungen Musiker des Spielmannszuges wurden in die deutsche Wehrmacht einberufen. Aus Erzählungen ist bekannt, dass diese am Tag Ihrer Einberufung durch die Spielmannszugkameraden, die im Ort verblieben, bis an die Ortsschilder von Lichtenau mit Marschmusik begleitet und dort verabschiedet wurden.

 

In den nun folgenden Jahren ruhte die Musik des Vereins, da wohl niemandem der Sinn nach Fröhlichkeit und Heiterkeit stand. So manche traurige Todesnachricht traf auch den Verein, der Krieg verursachte große Wunden in den Reihen der Musiker.

 

Erst im Winter 1947/48 entschied man sich, einen Neuanfang mit „alten“ und „neuen“ Musikern zu wagen.

In den Wintermonaten wurde wieder fleißig geprobt, bereits im April des Jahres 1948 war wieder der erste Auftritt des Spielmannszuges. Anlaß war ein Fackelumzug im Ort, der aufgrund des 50-jährigen Priesterjubiläums des damaligen Pastor Heinrich Weber durchgeführt wurde.

Im gleichen Jahr fand auch wieder das erste Schützenfest nach dem Krieg statt, bei dem der Spielmannszug erneut auftrat. Dieses Fest fand statt am 01.Juni, dieser Tag war auch zugleich der Tag der Währungsreform. Das alte Inflationsgeld wurde für ungültig erklärt, jeder Bürger bekam 40 D-Mark als Neubeginn.

 

Seit dem Jahr 1949 spielt der Verein regelmäßig auch auf den Schützenfesten in den Nachbarorten Hakenberg und Asseln. Dieses zeigt eine sehr starke Verbundenheit zu auswärtigen Schützenvereinen. Hierdurch sind im Lauf der Zeit schöne und feste Freundschaften entstanden.

Im Jahr 1951 wurde die Schützenhalle umgebaut und somit neu gestaltet. Durch die freundschaftliche Verbindung zum Schützenverein bekam der Spielmannszug einige Jahre später die Möglichkeit, seine Proben und Übungsabende in der Halle durchzuführen.

 

Die Proben fanden in der Küche statt, die etwa dort war, wo zur jetzigen Zeit der rechte Bereich der Theke ist. Aus Erzählungen von unserem ältesten, aktiven Mitglied, Josef Tewes, ist bekannt, dass dieser, aufgrund seines sehr nahen Zuhauses zur Schützenhalle, an den Wintertagen immer den Auftrag bekam, den Ofen für die Übungsabende vor Beginn des Spielens zu beheizen.

 

Etwa im Jahr 1956 konnte dann eine einheitliche Uniform für den Verein angeschafft werden. Alle Musiker trugen weiterhin weiße Hosen (schwarze Hosen wurden erst später angeschafft) und einheitliche, dunkelblaue Uniformjacken. Diese Uniformjacken waren zuerst nicht sonderlich beliebt, da sie aus einem sehr dicken und schweren Wollstoff bestanden. So kam es, dass diese Jacken den Spitznamen „Pferdedecke“ erhielten. Vereinzelt und übergangsweise waren diese schweren Jacken noch bis in die 80er Jahre im Gebrauch und dienten erstmal, gerade bei jüngeren Mitgliedern, als eine Art „Übergangslösung“. Im Laufe der Jahre wechselte man zu einem wesentlich dünneren und leichteren Stoff.

 

An der Farbgebung der Uniform kann man erkennen, dass sich der Spielmannszug Lichtenau an damaligen, preußischen Militäruniformen orientierte. Somit kann man sagen, dass Spielmannszüge sehr oft ihren Ursprung in Militärkapellen haben.

 

1974 erfolge wieder ein Wechsel an der Spitze des Dirigenten.

Josef Bickmann übergab das Amt des Tambourmajors an Johannes Glahn Senior. Somit blickte Josef Bickmann auf eine insgesamt 46-jährige Tätigkeit als Dirigent zurück.

1975 gab es eine sehr große Wende für den Verein. Das erste Mal in der Vereinsgeschichte wurden Schülerinnen und Schüler an verschiedenen Instrumenten ausgebildet. Somit bekam der Spielmannszug zum ersten Mal auch Musikerinnen, was für die damalige Zeit ein schönes und modernes Bild abgab. Für diese Jugendlichen wurden als Uniform dunkelblaue Westen und als Kopfbedeckung dunkelblaue Schiffchen angeschafft. Diese Westen und Schiffchen sind auch heute noch im Gebrauch und werden stets an junge „Nachwuchsmusiker“ ausgegeben.

 

1976 wurde die Schützenhalle um einen Anbau in der vorderen Front erweitert. Hierdurch entstand der Speiseraum, den der Spielmannszug von jetzt an für die Übungsabende nutzen durfte. Ebenfalls in diesem Jahr begann der Verein mit dem traditionellen Wecken am Morgen des 1. Mai. Bereits morgens gegen 05:00 Uhr erklingen seitdem die Märsche in den Straßen von Lichtenau und wecken die Einwohner zum Maifeiertag. Dieser Auftritt schließt immer mit einem gemeinsamen Frühstück ab. 2016 konnte somit der Verein auf insgesamt „40 Jahre Wecken“ zurückblicken.

 

1977 wurde dann mit Vereinen aus der näheren Umgebung das 50-jährige Bestehen des Spielmannszuges gefeiert.

 

Etwas verwunderlich erscheint es, dass erst Ende der 70er Jahre die erste Pauke und das erste Becken für den Verein angeschafft wurde. Der Grund ist nicht genau bekannt. Es ist davon auszugehen, dass der „alte“ Tambourmajor, Josef Bickmann, sich schlicht weigerte, solche Schlaginstrumente in den Verein aufzunehmen.

 

1987 feierte man das 60-jährige Bestehen. Hierzu zog die „alte Garde“ noch einmal die Uniform an und spielte bei einem Konzertnachmittag auf historischen, alten Instrumenten.

 

In den 80er Jahren ging der Verein dazu über, nicht nur Märsche, sondern auch moderne Konzertstücke einzustudieren.

 

1988 feierte der Heimatschutzverein sein 325-jähriges Bestehen.

Am Montag des Schützenfestes übergab Johannes Glahn Senior das Amt des Tambourmajors an Heiner Tewes.

 

1997 konnte der Verein das 70-jährige Jubiläum feiern.

 

Ende der 90er Jahre ging der Spielmannszug dazu über, Märsche auch mehrstimmig und somit mit unterschiedlichen Registern einzuüben und zu spielen.

 

2002 wurde im Rahmen eines großen Musikerfestes das 75-jährige Vereinsjubiläum gefeiert. Weiterhin wurde in diesem Jahr der schwarze Querbinder der Uniform durch eine dunkelblaue Krawatte mit dem Spielmannszugemblem ersetzt. Somit erhielt die Uniform ein wesentlich moderneres Erscheinungsbild.

 

2003 übergab Heiner Tewes das Amt des Tambourmajors an Johannes Glahn Junior.

 

2007 feierte der Verein mit weiteren Spielmannszügen und Musikkapellen aus dem Stadtgebiet das 80-jährige Bestehen.

 

2013 konnte der Verein ein wirklich seltenes Ereignis begehen. Der Volksmusikerbund ehrte das Vereinsmitglied Josef Tewes für insgesamt 50 Jahre aktive Mitgliedschaft zum Verein. Somit konnte ein Urgestein des Spielmannszuges ausgezeichnet werden. Josef Tewes hält dem Verein bis zum heutigen Tag die Treue und nimmt an allen Ausmärschen und Übungsabenden teil. Es ist immer wieder sehr schön anzusehen, daß in Musikvereinen alt und jung gemeinsam musizieren.

 

Bis zum Jahr 2015 fanden die Übungsabende immer im Speiseraum der Schützenhalle statt. Dieses spiegelt somit die gute Zusammengehörigkeit des Vereins zum Heimatschutzverein wieder.

Im Herbst 2015 und im Winter 2015/16 Jahres konnte man in Eigenleistung einen eigenen Proberaum ausbauen.

Seit Anfang 2016 finden die Proben im eigenen Vereinsraum in der Begegnungsstätte statt. Somit hat der Verein ein schönes, eigenes Zuhause gefunden, welches am 24. April

durch den damaligen Pastor von Lichtenau, Hermann-Josef Sander, den kirchlichen Segen erhielt.

Der Spielmannszug Lichtenau ist aus dem Ortsbild der Stadt nicht wegzudenken. Aber auch über die Grenzen der Stadt ist er seit einigen Jahren sehr bekannt.

So konnten z.B. Kontakte in das Waldecker Land geknöpft werden. Seit 2003 spielt der Verein dort regelmäßig zum Kram- und Viehmarkt in Diemelstadt-Rhoden auf, weiterhin begleiten die Musikerinnen und Musiker seit 2005 das dortige Schützenfest, welches in einem 5-Jahresrhythmus stattfindet.

 

Seit dem Jahr 2014 spielt der Verein auf dem Karnevalsumzug in Giershagen (Ortsteil der Stadt Marsberg) und unterstützt dort am sogenannten Veilchendienstag den großen Festumzug. Derzeit ist davon auszugehen, daß dieser Auftritt auch auf weitere Jahre fest in den Terminkalender des Spielmannszuges aufgenommen wird.

 

Wer einmal Spielmannszugluft geschnuppert hat, möchte diese nicht mehr missen. Dieses wird daher deutlich, dass der Verein Mitglieder hat, die bereits seit über 40 und 50 Jahren dem Verein als aktive Musiker angehören. Selbst bereits ausgeschiedene Mitglieder halten durch eine passive Mitgliedschaft dem Verein die Treue oder besuchen gelegentlich die Übungsabende als „Gastmusiker“.

 

Besonders schön ist, dass viele Mitglieder des Vereins auch außerhalb der Musik miteinander befreundet sind und sich somit auch oft „ohne Uniform“ treffen.

 

Derzeit bereitet sich der Verein mit großen Schritten auf das Jubiläumsjahr 2017 vor, in dem der Spielmannszug das 90-jährige Bestehen feiern wird. Dieses wird mit einem großen Musikerfest am Samstag, 29.April 2017, stattfinden.

 

 

 

 

 

 

In eigener Sache:

 

Eine Chronik über einen Verein, der bereits vor dem zweiten Weltkrieg gegründet wurde, wieder neu aufzuschreiben, ist nicht ganz einfach.

 

Oft wurden zur damaligen Zeit keine genauen Aufzeichnungen erstellt, eventuell vorhandene Unterlagen sind manchmal in den Wirren des Weltkriegs verloren gegangen.

 

Als Hobbyhistoriker war ich somit bei der Erstellung dieser Schrift auf Zeitzeugen und auf Festzeitschriften anderer Lichtenauer Vereine angewiesen.

 

Ich bin daher für jede Erzählung, gerade von älteren Bewohnern Lichtenaus, sehr dankbar, die mir eventuell helfen kann, diese Chronik noch umfassender zu gestalten und somit für die Nachwelt zu erhalten.

 

Informationen über den Spielmannszug (Anekdoten, wichtige Ereignisse etc.), unabhängig aus welchem Jahr, nehme ich gerne entgegen. Besonders interessant wären für mich die Jahre 1927 – 1948.

 

Mein herzlichster Dank gilt allen Spielmannszugkameradinnen und – kameraden (ganz besonders Josef Tewes, Friedhelm Dreier und Werner Hartmann), die mich bei der Gestaltung dieser Chronik durch Gespräche und Erzählungen unterstützt haben.

Besonders durch die Hilfe der drei namentlich Genannten konnte ich einige Jahreszahlen noch nachträglich ermitteln und somit Lücken in der Vereinsgeschichte schließen.

 

Im Namen des gesamten Vereins sei den Männern gedankt, die in einer sehr schwierigen Zeit den Mut hatten, einen Musikverein zu gründen und somit einen soliden Grundstein zu legen.

Möge uns unser Herrgott auch in unserer musikalischen Freizeit, sowie bei unseren Auftritten und Ausmärschen begleiten und uns immer eine gute Kameradschaft und weiterhin viel Freude an der Musik schenken.

 

 

 

Lichtenau, im Juni 2016

 

 

 

Michael Täuber

Driburgerstraße 10

33165 Lichtenau

taeuber.michael@gmx.de